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ORGELMANAGEMENT IN EUROPA SEIT 1990 • CD- UND DVD-LABEL

von Michael Grüber

Die deutsch-französische Geschichte ist reich an Berichten über Rivalitäten und Auseinandersetzungen in Politik und Kultur. Gelinde gesagt: das war nicht immer ganz einfach! Noch heute kocht das Stadion, wenn sich die beiden Nationalmannschaften gegenüber stehen. „Deutschland, Deutschland über alles“ - „Aux armes, citoyens, formez vous vos bataillons“, da kocht das Blut, da sprudeln die Emotionen.

Nicht minder beim ersten Länderspiel, genauer gesagt beim ersten Länderduell vor 300 Jahren zwischen Johann Sebastian Bach und Louis Marchand. Der spannende Bericht über dieses Ereignis wurde schon zu Bachs Lebzeiten veröffentlicht und zählte Ende des 18. Jahrhunderts zu den berühmtesten und schönsten musikalischen Anekdoten, die in Deutschland zirkulierten.

„Bach habe die Ehre der Deutschen und seine eigene völlig behauptet“, schreibt Johann Abraham Birnbaum 1739. Der absolute Knüller: das königlich hohe Preisgeld wurde gestohlen und noch heute laufen die Fahndungen nach den Dieben.
Was war geschehen am Dresdner Königshof im Oktober 1717?

Louis Marchand, der berühmte Pariser Claviervirtuose und Organist am Hof des Sonnenkönigs Ludwig des 14. kam im Herbst 1717 im Zug einer größeren Konzerttournee an den Hof nach Dresden. Die arrogante und ziemlich exzentrische Art von Marchand gefiel nicht allen, und der Dresdner Konzertmeister Jean-Baptiste Volumier kam auf die Idee: Bach gegen Marchand, Deutschland gegen Frankreich. Das versprach Spannung und Unterhaltung im höfischen Alltagsgeschäft. König August der Starke gab seine Zustimmung samt einem außergewöhnlichen Preisgeld von 500 Thalern und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Der historische Bericht lautet:

Das 1717. Jahr gab unserm schon so berühmten Bach eine neue Gelegenheit noch mehr Ehre einzulegen. Der in Frankreich berühmte Clavierspieler und Organist Marchand war nach Dreßden gekommen, hatte sich vor dem Könige mit besonderm Beyfalle nören lassen, und war so glücklich, daß ihm Königliche Dienste mit einer starken Besoldung angeboten wurde. Der damilge Concertmeister in Dreßden, Volumier, schrieb an Bachen, dessen Verdienste ihm nicht unbekannt waren, nach Weymar, und lud ihn ein, ohne Verzug nach Dreßden zu kommen, um mit dem hochmüthigen Marchand einen musikalischen Wettstreit, um den Vorzug, zu wagen. Bach nahm diese Einladung willig an, und reisete nach Dreßden. Volumier empfing ihn mit Freuden, und verschaffete ihm Gelegenheit seinen Gegner erst verborgen zu hören. Bach lud hierauf den Marchand durch ein höfliches Handschreiben, in welchem er sich erbot, alles was ihm Marchand musikalisches aufgeben würde, aus dem Stehgreife auszuführen, und sich von ihm wieder gleiche Bereitwilligkeit versprach, zum Wettstreit ein. Gewiß, eine große Verwegenheit! Marchand bezeigte sich dazu wehr willig. Tag und Ort, wurde, nicht ohne Vorwissen des Königes, angesetzet. Bach fand sich zu bestimmter Zeit auf dem Kampfplatze in dem Hause vornehmen Ministers [Joachim Friedrich Graf Flemming] ein, wo eine große Gesellschaft von Personen vom hohen Range, beyderley Geschlechts, versammelt war. Marchand ließ lange auf sich warten. Endlich schickte der Herr des Hauses in Marchands Quartier, um ihn, im Fall er es etwan vergessen haben möchte, erinnern zu lassen, daß es nun Zeit sey, sich als einen Mann zu erweisen. Man erfuhr aber, zur größten Verwunderung, Daß Monsieur Marchand an eben dem selben Tage, in aller Frühe, mit Extrapost aus Dreßden abgereiset sey. Bach der also nunmehr allein Meister des Kampfplatzes war, hatte folglich Gelegenheit genug, die Stärcke, mit welcher er wider seinen Gegen erbewafnet war, zu zeigen. Er that es auch, zur Verwunderung aller Anwesenden. Der König hatte ihm dafür ein Geschenk von 500 Thalern bestimmet: allein durch die Untreue eines gewissen Bedienten, der dieses Geschenk besser brauchen zu können glaubte, wurde er drum gebracht, und mußte die erworbene Ehre, als die einzige Belohnung seiner Bemühungen mit sich nach Hause nehmen. Übrigens gestund unser Bach dem Marchand den Ruhm einer schönen und sehr netten Ausführung gerne zu. Ob aber Marchands Müsetten für die Christnacht, deren Erfindung und Ausführung ihm in Paris den meisten Ruhm zu Wege gebracht haben soll, gegen Bachs vielfache Fugen vor Kennern würden haben Stand halten können; das mögen diejenigen, welche Beyde in ihrer Stärcke gehöret haben, entscheiden.“

Anmerkungen:

1.) 500 Thaler (= ca. um die € 30.000 waren 1717 mehr als zwei Jahresgehälter von J.S. Bach am Hof in Weimar.

2.) Kaum zurück aus Dresden kam es bei J.S. Bach zu Problemen am Hof in Weimar und am 6. November 1717 musste er für 4 Wochen ins Gefängnis:

„der bisherige Concer-Meister und Hof-Organist, Bach, wegen seiner Halßstarrigen Bezeugung und, zu erzwingenden dimission, auf der LandRichter-Stube arretiret, und, endlich d. 2.Dec. Darauf, mit angezeigter Ungnade, Ihme die dimission durch den Hof-Secretarius angedeutet, und zugleich des arrests befreyet worden.“

Hier im Gefängnis in Weimar begann Bach mit dem Wohltemperierten Klavier.

Quellen:

Christoph Wolff, J.S. Bach, Fischer-Verlag 2005
Bachs Welt, Laaber Verlag 2015