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Fünf Tage, über 50 Personen, 16 Orgeln. Das war die Bilanz der diesjährigen Orgelreise nach Paris. Dieses Jahr war die Reise den großen Organisten Louis Vierne, Charles-Marie Widor, Louis Léfébure-Wély, Alexandre Guilmant sowie Olivier Messiaen gewidmet. Damit lag der Fokus auf den Instrumenten, an denen diese Musiker gewirkt haben.

Eröffnet wurde die Reise im Institute Nationale des Jeunes Aveugles, an dem Louis Vierne Schüler von César Franck war, mit einem Konzert des dortigen Titularorganisten Dominique Levaque.

Es folgte ein Besuch in der zwischen 1629 und 1740 erbauten Kirche Notre-Dame des Victoires, seit 1927 Basilica minor, in der Lully begraben wurde. Hier präsentierte der junge Titulaire David Cassan seine Buffet/Kern-Orgel, auf der trotz der barocken Konzeption auch romantische Musik äußerst überzeugend dargestellt werden kann.

Saint Bernard de la Chapelle bot eine im Originalzustand befindliche Cavaillé-Coll-Orgel von 1862. Ein Instrument, das sich mit seinen 25 Registern sehr füllig und kraftvoll präsentiert, aber leider stark renovierungsbedürftig ist, was sich am Spieltisch optisch und am Anschlag deutlich zeigt. Camille Déruelle spielte u.a. Guilmant und Léfébure-Wély und bot anschließend Gelegenheit, das Instrument selbst zu spielen.

Nach einem Konzert mit Gabriel Bestion de Camboulas in St.Paul-St. Louis mit Bach, Léfébure-Wély, Brahms, Litaize und Vierne, womit er die volle Farbenvielfalt des Instruments vorstellte, bestand auch hier die Möglichkeit, die Martin-Orgel selbst zu erkunden – ein Instrument, das der Klangpracht der Cavaillé-Coll-Instrumente in nichts nachsteht. Am Abend folgte der erste Höhepunkt: Konzert und Kurs mit Carolyn Shuster-Fournier in La Trinité. An der von Cavaillé-Coll 1867 erbauten Chororgel interpretierte sie das Andante sostenuto aus Widors 9. Symphonie, anschließend an der Hauptorgel, Messiaens Wirkungsstätte über 61 Jahre, das Finale aus Guilmants erster Sonate, Le Banquet céleste sowie den zweiten und dritten Satz aus L’Ascension. Anschließend arbeitete sie mit den Kursteilnehmern Werke ihres Vorgängers am originären Instrument. Ein großes Erlebnis! Schon am nächsten Tag folgte der zweite Kurs, dieses Mal mit Frédéric Blanc in La Madeleine; auch hier präsentierte er das Instrument zuvor konzertant (Widor, Pierné, Vierne, Léfébure-Wély, Messiaen und Improvisation).

Am Nachmittag folgte ein Besuch in der direkt am Louvre situierten Kirche Saint Germain-l’Auxerrois. Hier hielt der Titularorganist Henri de Rohan-Csermak zuerst einen spannenden Vortrag über Leben und Werk des etwas unbeachtet gebliebenen Léfébure-Wély – schließlich war (und ist) seine musikalische Synthese von Operette und Liturgie Anlass zur kontroversen Diskussion. Anschließend spielte er auf der auf Clicquot zurückgehenden Orgel die Meditaciones religiosas des ehemaligen Organisten von La Madeleine und St. Sulpice. In St. Sulpice stellte Daniel Roth seine große Orgel mit Werken seines Vorgängers Widor vor und öffnete anschließend die Pforten zur Empore. Eindrücke, die Worten nicht bedürfen.

Weiter ging es am folgenden Tag zu Dr. Kurt Lueders in den evangelisch-reformierten Temple du Saint Esprit, wo der Harmonienspezialist zuerst zur französischen Harmoniummusik referierte und anschließend kurz seine mit 14 Registern recht kleine, aber sehr wohlklingende Merklin/Cavaillé-Coll-Mutin-Orgel (mit einer herrlichen Flûte harmonique!) präsentierte, sodass umso mehr Zeit dafür blieb, das Instrument selbst zu spielen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen im dortigen Gemeindesaal folgte die Kirche Saint-Augustin mit seiner von Peschard gebauten und von Cavaillé-Coll und Beuchet-Debierre modifizierten Orgel, der einstigen Wirkungsstätte von Eugène Gigout. In der eklektizistischen, zwischen 1860 und 1871 gebauten Kirche – die erste mit einer Eisenkonstruktion – ließ Titulaire Didier Matry nach kurzer Vorführung viel Raum für eigenes Spiel. Durch Umwelteinflüsse leidet das Instrument leider an „Atemschwäche“, was den vollen Klang manchmal bedauerlicherweise trübt; es bietet aber immer noch seine ganze Pracht an verschiedenen Farben – von zarten Flöten bis hin zu kraftvollen Bombardes und sogar einer Tuba magna 16’.

Anschließend rundete Baptiste-Florian Marle-Ouvrard in St. Eustache an der großen Van den Heuvel-Orgel den Tag mit einem großen Konzert mit Mozart, Vierne, Widor, Guilmant sowie einer Improvisation über das französische Lied „Alouette, gentille Alouette“ ab und überwältigte mit seinem technischen Können.

Zum Abschluss der Reise stand ein Gottesdienstbesuch in St.Vincent-de-Paul bei Pierre Cambourian an. Ein herrliches Erlebnis, wie er die Gemeindebegleitung mit vielfältigen Registierungen und ebenso farbigen Sätzen kontrapunktierte. Nach dem Mittagessen blieb immerhin noch Zeit für eine kurze Demonstration der Cavaillé-Coll-Chororgel von 1853 und der Hauptorgel mit dem ersten Satz von Widors 5. Symphonie. Ein würdiger Abschluss einer spannenden und vielfältigen Reise in die Hauptstadt der Orgel!

 

Leopold Neder Schneider, München