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ORGELMANAGEMENT IN EUROPA SEIT 1990 • CD- UND DVD-LABEL

Konzertorganistin Kerstin Petersen, Hamburg

Durch die Fenster meines Arbeitszimmers höre ich das Tuten der Elb-Schiffe, das Gebrumm der Autos, das Plaudern der Passanten, das Lachen der Schulkinder, das Singen der Vögel - ich sitze an der Orgel, schlage die Noten für die nächsten Aufführungen auf, wärme meine Hände, Finger und Füße, studiere die Partituren, die kniffeligen Takte, die leicht fließenden Passagen… Ich summe die Melodie, den Kontrapunkt und freue mich, dass ich hier als Organistin leben und arbeiten darf.

Foto: Elke Zimmermann

Neben intensiver Konzerttätigkeit und liturgischem Orgelspiel unterrichte ich momentan 15 Orgelschüler und Orgelschülerinnen im Alter von 6-16 Jahren. Das fröhlich wachsende Format dieser Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zeigt, dass das Instrument große Faszination ausübt und bei zahlreichen jungen Menschen der Wunsch besteht, Orgelspielen zu lernen. 

Ohne Vorkenntnisse auf dem Klavier kommen die Kinder und Jugendlichen zum Unterricht. Das heißt, wir bauen Schritt für Schritt die Spieltechnik an der Orgel auf. Der differenzierte spielerische Umgang mit dem atmenden Orgelwind, das Hören auf feine Abstufungen des Anschlags sind ebenso elementar für meine musikalische Arbeit wie Bewegungs- und Koordinationsübungen und das Motivieren zum regelmäßigen Üben.

Bausteine des Unterrichts sind z.B. Hören und Nachspielen von einfachen Melodien mit Händen und Füßen. Für die Kinder ist das Pedalspiel etwas ganz Natürliches, sie erobern sich schnell die Pedalklaviatur. Von Anfang an lesen und schreiben wir Noten im Violin- und Bassschlüssel und verwenden gängige Klavier- und Orgelschulen. Ich habe sämtliche Orgelschulen aus alter und neuer Zeit angeschafft, die ich recherchieren konnte. Ergänzend komponiere ich selbst kleine Stücke und erfinde spieltechnische Übungen, Klangstudien und -experimente. Diese stehen oft am Anfang der Unterrichtsstunde und kehren einige Wochen lang wieder, bis sie gut laufen und die wichtigen Aspekte verinnerlicht sind. Oft wiederhole ich z.B. elementare Übungen zum Daumenuntersatz, zum Tonleiterspiel, zu Dreiklängen, Intervallen, Oktavsprünge über die Lagen, Verknüpfung von Pedal- und Manualspiel. Fingersätze werden von Beginn an eingerichtet, spielerisch und konsequent als Grundlage einer fundierten Spieltechnik erlernt, mit der sich später dann auch komplexere Orgelliteratur spielen lässt.

Manchmal gehen wir im Raum umher und lassen die Klänge von unterschiedlichen Positionen aus auf uns wirken. Häufig bringen die Schüler/innen Besuch mit, d.h. sie laden Freude oder Familienmitglieder zur Orgelstunde ein, die dann zuhören, Fragen stellen und am Schluss der Stunde ein fertig geübtes und fantasievoll registriertes Musikstück vorgespielt bekommen.

Mit großer Begeisterung wenden wir uns auch zeitgenössischen Klangwelten zu, indem wir Cluster bilden, Glissandi über die Tasten gleiten lassen, Tastendruck und Windzufuhr bei verschiedenen Registern erforschen. Wir fixieren Töne mit Gewichten, erfinden Sounds mit dem iPad - improvisierend entstehen so eigene Klangkollagen. Mit einem weichen Schlegel klopfen wir auf Orgelgehäuse und Orgelbank, erschließen uns neue Rhythmen und metrische Proportionen. Einfaches Kadenzspiel, Lied- und Choralbegleitung üben die weiter Fortgeschrittenen.

Ebenso gerne wie mit den Leistungsstarken, arbeite ich mit Kindern, denen es nicht so leicht fällt, sich zu konzentrieren, die ihr musikalisches Gehör und feinmotorische Fähigkeiten erst allmählich entwickeln und koordinieren lernen. Es macht einfach Freude, jedem einzelnen Kind durch die Orgelmusik positive Impulse zu geben und ein Stück weit in die Orgelwelt hineinzuführen.

Eine echte Herausforderung ist es für mich als Freiberuflerin, geeignete Räume, gestimmte Orgeln und begeisterte wie verlässliche Kooperationspartner zu finden, die einen kontinuierlichen Unterricht sowie regelmäßige Übzeiten ermöglichen. Als ich 2010 nach Hamburg zog, hatte ich keinen einzigen Orgelschüler, als ich dann als Jurorin bei ‚Jugend musiziert’ erlebte, dass im Fach Orgel nur ein Teilnehmer angemeldet war während die anderen Disziplinen förmlich überquollen, fasste ich den Entschluss, eine Initiative zu starten, die Orgel ein Stück weiter in unserer buntes Musikleben zu integrieren und Kindern den Kontakt zur Orgel zu erleichtern.

Mit Unterstützung durch die Kreativgesellschaft Hamburg, Kirchenmusiker/innen, Pastoren und Pastorinnen, sowie durch viele private Unterstützer und Förderer rief ich Projekte rund um die Orgel ins Leben. In verschiedenen Kirchen sind wir zur Mitwirkung bei Schulandachten, Gottesdiensten, Tag des offenen Denkmals, Konzerten eingeladen. Wir durften verschiedene Radio-Sendungen gestalten und wurden als eines von zehn Projekten in den jüngsten UNESCO-Antrag aufgenommen.

Die Bandbreite der Orgeln, an denen wir zu Gast sind, spiegelt die kulturelle Vielfalt unserer modernen Stadt und zugleich die besonderen Traditionen, die an den einzelnen Standorten gepflegt werden: eine dreimanualige Orgel, eine Pfeifenorgel mit Kinderpedal, eine Barockorgel, eine englische Reed-Organ, eine Theaterorgel, digitale Instrumente und iPad - hier lernen die Kinder ohne Berührungsängste mit diversen Orgeltypen und Traditionen umzugehen.

Als Interpretin schlägt mein Herz besonders für Bach und die zeitaktuelle Musik, für ungewohnte Begegnungen und Formationen. Ich bin Widmungsträgerin zahlreicher Orgelwerke - darunter auch Pedal-Soli, die ein besonderes Markenzeichen meiner Konzerte sind. 2018 stehen mehrere Uraufführungen im Terminkalender, zu denen ich als Solistin sowie mit meinem Duo A&O (Akkordeon & Orgel) eingeladen bin. Begegnungen zwischen alter und neuer Musik liegen mir ebenso am Herzen wie die Aufführung von Orgelwerken jüdischer, vergessener, verfemter Komponisten und Komponistinnen - hier gibt es viel zu entdecken und neu zu hören. Die Zusammenarbeit mit einer Hamburger Jogameisterin führt in meditative Klangwelten. Unser Motto: Organ meets Gong. Auch im Bereich der „U“-Musik gehe ich gerne auf Entdeckungsreisen. ‚Schön‘ - ‚Schräg‘ - ‚Tiefgründig‘ - ‚Populär‘ sind für mich keine unvereinbaren Gegensätze.

So mancher Glücksfall hat sich in den letzten Jahren ereignet – so die kürzlich mit dem NDR gestaltete Sendung ‚Mikado am Morgen - Ein königliches Musikinstrument - die Orgel’; das Projekt Kinderorgel in Zusammenarbeit mit Christianskirche Ottensen und Bugenhagenschule; das Konzertprojekt des DTKV Hamburg Erinnern für die Zukunft, welches unter meiner künstlerischen Gesamtleitung im Rahmen des Musikstadtfonds 2017 gefördert wurde. Ich arbeite außerdem als Jurorin, Ideengeberin und Beraterin für innovative Orgelbau-Projekte und schreibe gerade an einer neue Orgelschule für Kinder. Ich bin Mitglied des Kirchenmusikerverbandes Nordelbien und des Deutschen Tonkünstlerverbandes Hamburg - hier seit vielen Jahren im Vorstand tätig.

Um die vielfältigen Ideen für Kinder und Jugendliche auf einen nachhaltigen Weg zu bringen, benötige ich strukturelle Hilfe sowie ideelle und finanzielle Unterstützung von Menschen, die von der Idee, Kinder und Jugendliche in Kontakt mit der Orgel zu bringen, ihnen einen Weg zu öffnen, das königliche Instrument spielen zu lernen und spannende Projekte inmitten der modernen Kinder- und Jugendkultur mitzugestalten, genauso begeistert sind wie wir.

Noch ein kleines persönliches Erlebnis: Einer meiner kleinen Orgelschüler kommt eines Tages ungewöhnlich müde zum Orgel-Unterricht. Er zieht die Orgelschuhe (Größe 35) an, will gleich anfangen zu spielen - legt dann aber unvermittelt seinen Kopf auf die Tasten und bleibt völlig erschöpft auf den Tasten liegen. Die leise Flöte 8‘ auf dem Hauptwerk ist registriert - und der Junge lauscht überrascht auf die sanften Klänge, die das Strömen des Windes in den liegenden Cluster-Tönen hören ließ. Wie wunderbar, denke ich und wartet ab. Der Schüler erholt sich von seiner Erschöpfung, sein Stress verfliegt. Nach einer Weile richtet er sich auf, sitzt fröhlich und erwartungsvoll auf der Orgelbank, spielt die ersten Töne und wir widmen uns ganz konzentriert der Musik des Liedes: „Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr...“, zuerst mit den Füßen, dann mit den Händen. Ein paar Hinweise zur Spieltechnik lasse ich einfliessen: „schüttele mal deine Arme und Finger aus, lege deine Finger jetzt wieder auf die Tasten ... sooo.... - schön rund und locker... so klingt es am Besten, probier’ mal... es klingt wirklich schön!

 

Kerstin Petersen, 08. Juni 2018
www.kerstin-petersen.org

Nachlesen & Nachhören:
https://www.nmz.de/artikel/voller-einsatz-an-der-orgel
http://www.evangelische-zeitung.de/nachrichten/hamburg/news-detail-hamburg/nachricht/grosse-orgel-fuer-kurze-beine.html
http://www.ardmediathek.de/radio/Mikado-am-Morgen/Mikado-Musik-durch-Wind-Orgeln/NDR-Info/Audio-Podcast?bcastId=20245872&documentId=43125452